Das Gartner Supply Chain Symposium/Xpo™ 2026 in Barcelona brachte mehr als 2.000 Supply-Chain-Führungskräfte, über 50 Gartner-Analysten und Hunderte von Vorträgen zu Themen wie KI, Orchestrierung, Logistik, Beschaffung, Resilienz und Talentmanagement zusammen.
Ich reiste mit der Erwartung an, eine Veranstaltung zu erleben, die stark von Künstlicher Intelligenz geprägt sein würde – mit zahlreichen Tools, Demos und ambitionierten Zukunftsvisionen. Diese Erwartung wurde durchaus erfüllt. KI war in nahezu jeder Diskussion präsent. Doch je länger die Veranstaltung dauerte, desto deutlicher wurde: Die spannendsten Gespräche drehten sich nicht um KI allein. Vielmehr ging es darum, wie Unternehmen ihre Lieferketten neu gestalten müssen, um das Potenzial von KI nachhaltig und skalierbar nutzen zu können. In zahlreichen Sessions wurde deutlich, dass die Begeisterung für KI häufig größer ist als die organisatorische Bereitschaft, diese Technologien erfolgreich einzusetzen. Diese Lücke zeigte sich immer wieder – unabhängig davon, ob es um Datenqualität, Governance, Betriebsmodelle oder Entscheidungsprozesse ging.
1. Pilotprojekte sind einfach – Skalierung bleibt die Herausforderung
Die meisten Unternehmen haben heute kein Problem mehr damit, KI-Pilotprojekte oder Proofs of Concept aufzusetzen. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, daraus nachhaltige Lösungen zu entwickeln, die den operativen Betrieb der Lieferkette tatsächlich verändern. Der Weg von lokalen Experimenten hin zu globalem Mehrwert über Regionen, Geschäftsbereiche und Partner hinweg bleibt für viele Organisationen die größte Hürde.
2. Daten bilden weiterhin die Grundlage für den Erfolg
Ein Thema zog sich wie ein roter Faden durch nahezu alle Vorträge: Die Qualität der KI-Ergebnisse hängt direkt von der Qualität der zugrunde liegenden Unternehmensdaten ab. Niemand erwartet perfekte Daten. Erfolgreiche Unternehmen stellen jedoch sicher, dass ihre Daten vertrauenswürdig, klar verantwortet und ausreichend hochwertig für geschäftskritische Entscheidungen sind. Sie wissen genau, welche Datenbereiche entscheidend sind, wer dafür verantwortlich ist und wo bestehende Schwachstellen KI-gestützte Entscheidungen behindern.
3. Betriebsmodelle werden zum Engpass
Mehrere Analysten und Kunden berichteten offen darüber, warum viele KI-Initiativen ins Stocken geraten. Die Ursache liegt häufig nicht in der Technologie selbst, sondern darin, dass neue intelligente Lösungen in bestehende Strukturen integriert werden sollen, die dafür nicht ausgelegt sind. Wenn Rollen, Anreizsysteme, KPIs und Governance unverändert bleiben, muss sich die Technologie an veraltete Prozesse anpassen. Die erfolgreichsten Unternehmen hinterfragen deshalb aktiv ihre Entscheidungsprozesse und die Zusammenarbeit zwischen Menschen und intelligenten Systemen.
4. Der Mensch bleibt entscheidend
Trotz aller Diskussionen über autonome Systeme und intelligente Agenten bestand Einigkeit darüber, dass Menschen auch künftig eine zentrale Rolle spielen werden. Insbesondere in komplexen, unternehmensübergreifenden Lieferketten bleiben menschliches Urteilsvermögen, Verantwortlichkeit und Vertrauen unverzichtbar. Was sich verändert, ist die Art der Arbeit: Weniger repetitive Tätigkeiten, mehr Fokus auf Szenarien, Ausnahmen, Verhandlungen und strategische Entscheidungen.
5. Der nächste Schritt heißt Orchestrierung
Jahrelang stand Transparenz im Mittelpunkt der Supply-Chain-Strategien. Mehr Daten, mehr Dashboards und mehr Warnmeldungen galten als Schlüssel zum Erfolg. In Barcelona verlagerte sich der Fokus deutlich auf die Frage, was Unternehmen mit dieser Transparenz tatsächlich tun. Der entscheidende Unterschied liegt in der Orchestrierung – also der Fähigkeit, Entscheidungen und Maßnahmen über Funktionen, Regionen, Partner und Systeme hinweg koordiniert umzusetzen.
6. Ökosysteme werden zum Wettbewerbsvorteil
Moderne Lieferketten bestehen aus komplexen Netzwerken von Lieferanten, Herstellern, Logistikdienstleistern, Kunden und Technologiepartnern. Wettbewerbsvorteile entstehen zunehmend durch Vertrauen, gemeinsame Ziele und Governance-Modelle, die über die Grenzen eines einzelnen Unternehmens hinausreichen. Herausforderungen wie Resilienz, Nachhaltigkeit oder Reaktionsfähigkeit lassen sich kaum noch isoliert lösen.
7. Netzwerke werden strategisch entscheidend
Eng mit dem Thema Ökosysteme verbunden ist die wachsende Bedeutung von Netzwerken. Die Leistungsfähigkeit einer Lieferkette wird zunehmend davon bestimmt, wie einfach Partner angebunden werden können, wie zuverlässig Daten ausgetauscht werden und wie schnell gemeinsame Entscheidungen getroffen werden können. Konnektivität allein reicht nicht mehr aus. Netzwerke entwickeln sich von technischer Infrastruktur zu strategischen Vermögenswerten.
8. Systeme entwickeln sich von Dokumentation zu Handlung
Traditionelle Unternehmenssysteme waren in erster Linie darauf ausgelegt, Transaktionen zu erfassen und zu dokumentieren. Heute verschiebt sich der Fokus hin zu Systemen, die aktiv bei Entscheidungen unterstützen. Moderne Plattformen empfehlen Maßnahmen, koordinieren Reaktionen über Teams hinweg und automatisieren Routineentscheidungen. Die zentrale Frage lautet nicht mehr: „Was ist passiert?“, sondern: „Was sollte als Nächstes geschehen – und wer sollte handeln?“
9. Agentic AI ist vielversprechend, aber noch am Anfang
Agentic AI war eines der meistdiskutierten Themen der Veranstaltung. Die Vorstellung von intelligenten Agenten, die Aufgaben eigenständig planen, koordinieren und ausführen, ist insbesondere in komplexen Lieferketten äußerst attraktiv. Gleichzeitig blieb der Tenor pragmatisch: Klassische KI liefert bereits heute Mehrwert, Generative KI entwickelt sich schnell weiter und Agentic AI befindet sich noch in einer frühen Phase der praktischen Anwendung. Unternehmen sollten daher auf bewährte Technologien setzen und gleichzeitig die Grundlagen für zukünftige Agenten-basierte Ansätze schaffen.
10. Entscheidungsfindung wird zur Kernkompetenz
Ein besonders interessanter Trend zeigte sich unterhalb aller Diskussionen über Daten, KI und Plattformen: Entscheidungsfindung selbst wird zunehmend als strategische Fähigkeit betrachtet. Viele Unternehmen verfügen bereits über umfangreiche Analysen und Dashboards, kämpfen jedoch weiterhin mit konsistenten und qualitativ hochwertigen Entscheidungen im großen Maßstab. Führende Unternehmen kartieren daher ihre wichtigsten Entscheidungsprozesse, definieren Verantwortlichkeiten klar und legen fest, wie KI-gestützte Erkenntnisse in diese Prozesse eingebunden werden. In der nächsten Phase der Supply-Chain-Transformation werden Entscheidungsflüsse genauso wichtig sein wie Datenflüsse.
Mein Fazit aus Barcelona
Ich reiste nach Barcelona in der Erwartung, eine Vielzahl einzelner Trends zu sehen. Stattdessen nahm ich ein überraschend klares Gesamtbild mit nach Hause. Die Lieferkette der Zukunft wird autonomer, vernetzter, datengetriebener und stärker durch Ökosysteme geprägt sein – und gleichzeitig den Menschen weiterhin in den Mittelpunkt stellen. Technologie wird bestimmen, was möglich ist. Entscheidend wird jedoch sein, wie Unternehmen Menschen, Prozesse, Partner und intelligente Systeme miteinander verbinden, um gemeinsam Mehrwert zu schaffen. Gerade für Unternehmen in komplexen Multi-Enterprise-Umgebungen gewinnen deshalb vernetzte Plattformen und Orchestrierungsfähigkeiten zunehmend strategische Bedeutung. Das ist für mich die eigentliche Botschaft hinter dem aktuellen KI-Hype: Nicht die Technologie allein wird über den Erfolg entscheiden, sondern die Fähigkeit, Lieferketten für eine grundlegend neue Zukunft neu zu gestalten.
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